Naturfrevel auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz

NABU kämpft gegen Baumfällungen und Gehölzrodungen in der Leipziger Innenstadt

Am 20. Januar 2020 hatte die Stadtverwaltung mit einer Pressemitteilung informiert, dass Gehölze auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz beseitigt werden. Begründet wurde das mit geplanten Baugrunduntersuchungen. Nahezu gleichzeitig mit der Veröffentlichung begannen auch die Rodungen. Aufmerksamen Anwohnern ist es zu verdanken, dass rasch der NABU informiert wurde.

 

Im Eiltempo wurden 500 m² wertvolle Hecken gerodet und 12 Bäume gefällt, bevor der NABU eingreifen konnte. Foto: NABU Leipzig
Im Eiltempo wurden 500 m² wertvolle Hecken gerodet und 12 Bäume gefällt, bevor der NABU eingreifen konnte. Foto: NABU Leipzig

Der NABU Leipzig wirbt seit vielen Jahren öffentlichkeitswirksam für den Erhalt des Gehölzbestandes, auch wenn der Platz bebaut würde. Zudem verwies der NABU immer wieder darauf, dass für die Zerstörung von gesetzlich geschützten Lebensstätten, vorweggenommene Ausgleichsmaßnahmen, die die ökologische Funktion erhalten, notwendig und gesetzlich vorgeschrieben sind. Der Verweis der Stadtverwaltung auf geplante Dach- und Fassadenbegrünungen wird dieser Anforderung nicht gerecht, denn damit wäre die ökologische Funktion von großen Strauchgruppen und alten gesunden Bäumen nicht zu ersetzen, und es wäre auch kein vorweggenommener Ausgleich.

 

Stadtverwaltung kann sich Baumfällungen selbst genehmigen

Bei den Fällarbeiten war kein Artenschutzgutachter vor Ort, um zu prüfen ob beispielsweise Fledermäuse in den Baumhöhlen sitzen.
Bei den Fällarbeiten war kein Artenschutzgutachter vor Ort, um zu prüfen ob beispielsweise Fledermäuse in den Baumhöhlen sitzen.

Der NABU hat schon öfter darauf hingewiesen, dass bei Baumfällungen eine naturschutzfachliche Fällbegleitung notwendig ist, um zu verhindern, dass Tiere in Baumhöhlen und in den Hecken verletzt oder getötet werden und dass gesetzlich geschützte, wiederkehrend genutzte Lebensstätten ohne Ausgleich verloren gehen. Der NABU konnte jedoch beobachten, dass vor den Fällarbeiten Stämme und Äste nicht untersucht wurden. Für die Zerstörung von Lebensstätten ist eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung notwendig, ebenso eine Genehmigung zur Fällung der Bäume. Der Pressemitteilung der Stadt zufolge wurden diese Genehmigungen erteilt, unklar ist jedoch, auf welcher sachlichen Grundlage. Über Monate hinweg hatte der NABU Leipzig mehrfach Akteneinsicht beantragt. Obwohl es nach dem Umweltinformationsgesetz ein Recht darauf gibt, wurden von den zuständigen Ämtern die erbetenen Informationen nicht an den NABU übermittelt, Antwortschreiben gab es nie oder mit erheblicher Verspätung. Auch dagegen prüft der NABU rechtliche Schritte. Ein grundsätzliches Problem besteht darin, dass Naturschutz- und Baumschutzbehörde ebenso kommunale Ämter sind, wie das baumfällende Stadtplanungsamt – somit kann sich die Stadtverwaltung ihr naturzerstörerisches Handeln ohne große Probleme selbst genehmigen.

Leipzig tut alles für den Klimanotstand!

NABU-Protest gegen Naturfrevel der Stadtverwaltung.
NABU-Protest gegen Naturfrevel der Stadtverwaltung.

Für die geplante bauliche Umgestaltung des Platzes muss der Stadtrat einen Bebauungsplan beschließen. Das ist noch nicht erfolgt, dennoch beginnt die Stadtverwaltung mit den umfangreichen Rodungen bereits Fakten zu schaffen und die Lebensstätten unwiederbringlich zu vernichten.

In Zeiten von Artensterben und Klimawandel ist dieses Vorgehen nach Auffassung des NABU nicht nur rechtswidrig, sondern auch ignorant und unzeitgemäß. Mehrfach wurde dem NABU eine Zusammenarbeit und eine frühzeitige Information zugesagt, diese Zusage aber nicht eingehalten. Der Appell des NABU, frühzeitig Ausweichlebensräume im Umfeld des Platzes zu schaffen, wurde ignoriert. Ganz im Gegenteil wurden auch umliegende Brachflächen inzwischen bebaut und Parkanlagen und Grünflächen derart umgestaltet und „gepflegt“, dass sie als Ausweichlebensraum nicht in Frage kommen.

Der NABU Leipzig hat in aufwändiger ehrenamtlicher Arbeit auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz Brutvogelarten erfasst und festgestellt, dass dieses Areal ein „Platz der Biologischen Vielfalt“ ist: Hier leben mehr Arten als auf vergleichbar großen Flächen in den umliegenden Parkanlagen. Diese Vielfalt wird veralteten Bauprojekten achtlos geopfert. Außerdem werden die Rechtslage und die engagierte Arbeit des ehrenamtlichen Naturschutzes ignoriert. So kann man mit den berechtigten Anliegen des Biotop- und Klimaschutzes nicht umgehen! Zumindest müsste aber der gesetzliche Artenschutz beachtet werden.

 

Lebensstätten geschützter Vogelarten in Gefahr

17 Brutvogelarten verlieren auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz ihr Zuhause.

Unter den nachgewiesenen Brutvogelarten ist auch der gesetzlich streng geschützte Grünspecht. #IchHabHierNichtsZuLachen


Unter den nachgewiesenen Brutvogelarten ist auch der gesetzlich streng geschützte Grünspecht. Wiederholte Fragen des NABU, wie das Überleben dieser Art gesichert werden soll, blieben unbeantwortet. Zudem bezweifelt der NABU grundsätzlich, dass die Naturschutzbehörde für artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigungen überhaupt eine gesicherte Datengrundlage hat. Der Erhaltungszustand der betroffenen Arten kann nicht korrekt eingeschätzt werden, weil es dazu keine verlässlichen Informationen gib. Die zugrunde gelegten Daten sind nach Ansicht des NABU veraltet. Zudem ignoriert die Stadtverwaltung mit ihren Bauplänen Selbstverpflichtungen der Stadt für den Schutz der Biologischen Vielfalt sowie den vom Stadtrat ausgerufenen Klimanotstand. Ein Klimanotstand erlaubt es nicht, einen grünen, lebendigen Ort mitten in der zunehmend überhitzten Innenstadt zuzubetonieren und zu bebauen. Ein gesunder Gehölzbestand wird hier geopfert, während anderswo in der Stadt die Bäume vertrocknen. Mögliche Alternativen für die geplante Nutzung werden offenbar gar nicht in Erwägung gezogen. Es gib genug versiegelte Flächen und leerstehende Gebäude in der Stadt. Eine moderne, natur- und ressourcenschonende Bebauung des Platzes wäre möglich, vorhandene Gehölzstrukturen müssten erhalten bleiben. Sie dienen als Lebensraum, Klimaanlage und könnten ein attraktives Umfeld am neuen Standort des Naturkundemuseums bilden. Notwendig ist mehr Grün in der Stadt, nicht weniger!

 

Am Bauzaun hat der NABU Protestplakate aufgehängt.

 

Der NABU fordert die Leipziger Stadtverwaltung auf, die Fällungen und Rodungen sofort zu beenden, vor der weiteren Zerstörung von Lebensstätten vorweggenommene artenschutzfachliche Ausgleichsmaßnahmen im räumlichen und ökologischen Zusammenhang zu realisieren, Einsicht in Akten zu geben und die Baupläne grundsätzlich im Sinne von Biotop- und Klimaschutz zu überarbeiten.

 

Der NABU Leipzig will den fortschreitenden Verlust der Stadtnatur nicht akzeptieren. Selbstverpflichtungen der Stadt zum Schutz der Biologischen Vielfalt und des Klimas sind offenbar reine Lippenbekenntnisse. Die Naturzerstörung auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz ist letzlich nur ein Besipiel von Vielen. Hektarweise sind in den letzten Jahren die grünen und wilden Ecken in der Stadt verschwunden – ein dramatischer Verlust ist das nicht nur für die Tierwelt, sondern auch für Wohnqualität und Stadtklima.

 

Pressemitteilung     Weitere Informationen

 

Jetzt Spenden! Das Spendenformular wird von betterplace.org bereit gestellt.Die Beauftragung eines Rechtsanwalts und mögliche Gerichtsverfahren sind mit erheblichen Kosten verbunden. Der NABU ist für solche Ausgaben auf Spenden angewiesen. Bitte unterstützen Sie den Kampf für den Erhalt der Stadtnatur mit einer Spende – Herzlichen Dank!

 

 

Baumfällungen sind angesichts von Artensterben und Klimanotstand unzeitgemäß. Eine moderne Stadtentwicklung muss die bestehende Stadtnatur erhalten und neue Grünflächen schaffen. Bei allen Bauprojekten müssen Klima- und Artenschutz von Anfang an berücksichtigt und vom Bauherren eingefordert werden!

 

MEDIENECHO

 

Leipziger Volkszeitung

 

MDR-Sachsenspiegel

 

Leipziger Internetzeitung

 

Tag 24

Leipzigs Baum-ab- und Beton-Politik

 

Leipzig wächst nachhaltig? Nach den Beobachtungen des NABU Leipzig sind alle (Selbts-)verpflichtungen der Stadt Leipzig zum Schutz von Biodiversität und Klima reine Lippenbekenntnisse. Glasfassaden, Beton und Asphalt kennzeichnen Bauprojekte in der Stadt; Bäume, Sträucher und Wiesen werden dafür leichtfertig geopfert. Radio Blau sprach darüber mit dem NABU Leipzig. Jetzt anhören



 

Ton-und Videoaufnahmen vom Drama am Wilhelm-Leuschner-Platz

 

Langjährige Aktivitäten zum Schutz der Biodiversität

Der NABU Leipzig hat frühzeitig auf die drohenden artenschutzrechtlichen Probleme bei einer geplanten Bebauung des Wilhelm-Leuschner-Platzes hingewiesen. Viele Initiativen blieben unbeantwortet, Zusagen zur Zusammenarbeit wurden nicht eingehalten, es ist nicht erkennbar, dass der gesetzlich vorgeschriebene Artenschutz gewährleistet wird. Der NABU Leipzig hat in ehrenamtlicher Arbeit eine Reihe von Schreiben verschickt, die aber keinen erkennbaren Eingang in die Planungen fanden. Die nachfolgende Auswahl gibt eine Übersicht über die jahrelangen Bemühungen.


23.02.2016

Positionspapier Zukunft des Wilhelm-Leuschner-Platzes
24.03.2016 E-Mail an die Architekten

5.12.2016

Brief an den Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien und Baumanagement

5.12.2016

Nachfrage beim Stadtplanungsamt

31.01.2019

Positionspapier Lebensraum Wilhelm-Leuschner-Platz in Gefahr

25.06.2020

Anfrage zu Artenschutzmaßnahmen für den streng geschützten Grünspecht

6.07.2020

Appell an den Stadtrat

 

Bilder vom „Platz der Biologischen Vielfalt“

 

Mahnwache vor dem Rathaus

 

Von Montag (25.01.) bis Freitag (29.01.) findet täglich 12 bis 14 Uhr eine Mahnwache vor dem Neuen Rathaus statt. Motto: »Leipzig schrumpft – massiver Grünflächenschwund – auch der Wilhelm-Leuschner-Platz als Platz der Biologischen Vielfalt ist in Gefahr!«

Gemeinsam mit Leipziger For-Future-Gruppen demonstriert der NABU Leipzig für Biotop- und Klimaschutz.

 

Alle mitmachen für mehr Grün in der Stadt!

 

Am Montag fand eine erste Mahnwache für Biotop- und Klimaschutz statt – mit Abstand und Mund-Nasen-Maske. Mit Schneebällen hinterließen die Teilnehmer eine Botschaft auf den Pflastersteinen.
Auch an den kommenden Tagen soll jeweils von 12 bis 14 Uhr eine Demo vor dem Neuen Rathaus stattfinden. Fotos: NABU Leipzig

 

Baumschutz ist Klimaschutz, Grünflächen statt Beton! – Auch am Dienstag versammelten sich Natur- und Klimaschützer vor dem Neuen Rathaus, um gegen die unzeitgemäße klima- und naturschädliche Stadtplanung zu demonstrieren. Fotos: NABU Leipzig

DIE NATURSCHUTZMACHER – MACHEN SIE MIT!


Der NABU ist ein gemeinnütziger Verein naturbegeisterter Menschen. Nur durch Mitglieder, Spender und aktive Mitstreiter existiert der NABU. Gemeinsam können wir aktiv werden für Mensch und Natur.

 

Machen Sie mit – unterstützen Sie den NABU Leipzig, werden Sie Naturschutzmacher!

 


WEITERE INFORMATIONEN


Leipzig schrumpft

 

Während Leipzig für die Menschen wächst, schrumpft die Stadt für die Tier- und Pflanzenwelt. Lebensräume gehen tagtäglich verloren, oftmals ohne jeden Ausgleich, obwohl er gesetzlich vorgeschrieben ist. Damit verliert Leipzig auch mehr und mehr Lebensqualität. Außerdem haben die Ökosysteme wichtige Funktionen, zum Beispiel für das Stadtklima. mehr



Tiermord in der Stadt

 

Tagtäglich werden in Leipzig bei Bau- oder Gehölzpflegearbeiten Tiere getötet, Nistplätze schwinden, Orte für die Nahrungssuche gehen verloren. In vielen Fällen handelt es sich um Verstöße gegen das Naturschutz­recht, was jedoch oft folgenlos bleibt. Bürger verstehen nicht, warum die Behörden nicht einschreiten. Auch Arbeiten im Auftrag der Stadt selbst sind keineswegs vorbildlich. mehr  



Wohnungsnot durch Bauboom

 

Bei Gebäudesanierungen werden Nistplätze zerstört, der gesetzliche Artenschutz wird aus Unkenntnis oder vorsätzlich missachtet. Das führt zum Verlust von Nistplätzen, in manchen Fällen auch zum Tod von Tieren. Auf Leipziger Baustellen! Der NABU fordert Einhaltung der Artenschutzgesetze! mehr