Kiebitzschutz

NABU kümmert sich um die letzten Brutgebiete im Leipziger Umland

Den Kiebitz mit seinem freundlichen Gesicht und der Federholle kennen viele Menschen. Sehnsuchtsvollen und ergreifend sind die Rufe, die das Männchen im Frühling über Feldern, Wiesen und Feuchtgebieten ertönen lässt. In spektakulären und gaukelnden Balzflügen mit den charakteristischen Rufreihen werben sie um ein Weibchen.
Über Jahrhunderte hinweg war der Kiebitz in unserer Kulturlandschaft allgegenwärtig. Seit Jahrzehnten gehen die Bestände jedoch aufgrund der fortschreitenden Intensivierung der Landwirtschaft in Besorgnis erregendem Maße zurück. Nur mit etwas Glück oder gezielter Nachsuche können noch Brutplätze in Sachsen gefunden werden. Nach Schätzungen existieren noch rund 100 Brutpaare im gesamten Bundesland.

 

Wo gibt es im Leipziger Umland noch Brutplätze?

Es sieht nicht gut aus für den Gaukler der Lüfte: Der Kiebitz ist vom Aussterben bedroht. Foto: Roland Tichai/naturgucker.de
Es sieht nicht gut aus für den Gaukler der Lüfte: Der Kiebitz ist vom Aussterben bedroht. Foto: Roland Tichai/naturgucker.de

„Wie sieht es eigentlich mit dem Kiebitzbestand vor unserer Haustür aus?“ und „Was kann man tun, um die dramatische Bestandsentwicklung, die in letzter Konsequenz zum Aussterben führt, aufzuhalten?“. Diese Fragen stellten sich einige Mitglieder des NABU Leipzig und gründeten 2021 eine Arbeitsgruppe zum Schutz des Kiebitz'. Ziel ist das Auffinden aktueller, ehemaliger und potenzieller Brutplätze sowie deren Bestandsüberwachung während der Brutzeit. Darüber hinaus werden die individuellen Probleme der einzelnen Brutplätze identifiziert. Dies ist die Voraussetzung, um für den Schutz der vom Aussterben bedrohten Vogelart aktiv zu werden. In dem grob abgesteckten Gebiet rund um Leipzig wurden bislang rund 8 Gebiete ausfindig gemacht, die zum Teil jährlich von brütenden Kiebitzen besetzt sind, unregelmäßig besetzt sind oder mittlerweile bereits verwaist sind.

 

Nestschutzzonen auf dem Acker

Ein zentrales Element der NABU-Initiative ist das Auffinden und Abstecken von Nestern auf dem Acker. Hier arbeiten die Vogelschützer des NABU Leipzig mit den Naturschutzbehörden zusammen. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass landwirtschaftliche Maschinen bei ihren Arbeitsgängen (z.B. Pflügen, Einsaat, Eggen, Düngen, Spritzen, Ernten) nicht über Kiebitznester fahren dürfen, wenn diese bekannt sind. Weil Landwirte die Nester im Regelfall nicht kennen oder gar nicht danach suchen wollen, werden diese vom NABU Leipzig ausfindig und mittels Markierungsstäben kenntlich gemacht. Teilweise werden auch größere Bereiche eines Feldes von der Naturschutzbehörde abgesteckt. Dies passiert in der Regel dann, wenn es sich um eine Kolonie handelt, wenn der Acker schlecht einsehbar ist oder wenn die Nester nur mit einer einhergehenden größeren Störung gefunden werden können.

 

Gespräche mit Landwirten

In einigen Gebieten wie der ehemaligen Feldlache Großdeuben, der Vernässungsstelle Kleewinkel im Bienitz oder an den Gärnitzer Lachen finden auch Gespräche mit den Bewirtschaftern statt. Teilweise wurde hier bereits erreicht, dass die Bewirtschaftung

Ein wichtiges Element des Kiebitzschutzes ist das Auffinden und Abstecken von Nestern. Hier war der NABU Leipzig schnell zur Stelle und hat das noch unvollständige Nest mit Markierungsstäben für den Landwirt kenntlich gemacht. Foto: NABU Leipzig
Ein wichtiges Element des Kiebitzschutzes ist das Auffinden und Abstecken von Nestern. Hier war der NABU Leipzig schnell zur Stelle und hat das noch unvollständige Nest mit Markierungsstäben für den Landwirt kenntlich gemacht. Foto: NABU Leipzig

auf den Kiebitz ausgerichtet wurde. Das ist oft nicht so einfach, da eine von vornherein kiebitzgerechte Bewirtschaftung mit Ertragseinbußen für den Landwirt einhergeht. Hier gibt es allerdings entsprechende Förderprogramme, welche die Mindereinnahmen ausgleichen sollen.

 

Anlage neuer Gewässer

Man kann sich leicht vorstellen, dass der Schutz und die anvisierte Bestandserhöhung einer auf dem Acker brütenden Vogelart jedes Jahr aufs Neue eine Herausforderung darstellt und viel Arbeit in Anspruch nimmt. Aus diesem Grund ist es für eine nachhaltige Bestandsentwicklung unerlässlich, für die Zukunft Gebiete zu schaffen, in denen Kiebitze ungestört von landwirtschaftlichen Maschinen brüten können. Nur so kann ein Aussterben der Art verhindert werden.

 

Feldlache Großdeuben

Die Feldlache Großdeuben war Anfang der 2010er-Jahre das bedeutendste Brutgebiet für den Kiebitz im gesamten Landkreis Leipzig und darüber hinaus. Hier brüteten zu Spitzenzeiten mehr als 20 Paare – heute ist die Lache leider ausgetrocknet und wird nicht mehr kiebitzgerecht bewirtschaftet. Foto: Alexander Eilers

Die ehemalige Feldlache Großdeuben beherbergte bis vor wenigen Jahren mit teils über 25 Paaren eine der größten Brutkolonien in Sachsen. Durch Entwässerung und Austrocknung ist der Bestand seither auf Null gesunken. Nach zahlreichen Gesprächen mit dem Landwirtschaftsbetrieb, der Naturschutzbehörde und der LEAG (Lausitzer Energie- und Aktiengesellschaft) hat der NABU Leipzig in diesem Jahr einen Förderantrag beim LfULG (Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie) für die Anlage eines Gewässers in dem Gebiet gestellt. Gewässer sind für Brutansiedlungen der Limikolenart unerlässlich: Wenn in der Nähe einer Fläche (z.B. Acker, Grünland, Brache) mit niedrigwüchsiger bis fehlender Vegetation ein Gewässer vorhanden ist, siedeln sich die imposanten Vögel an. Nun sind alle gespannt, wie sich das Vorhaben entwickeln wird.

 


Gärnitzer Lachen

Die Gärnitzer Lache ist seit Anfang der 2010er-Jahre Reproduktionsgebiet für den Kiebitz und andere gefährdete Tierarten wie Rotbauchunke, Kammmolch, Brandgans und Flussregenpfeifer. Sie zeigt exemplarisch, wie wertvoll von selbst entstandene Lachen in der ausgeräumten Agrarlandschaft für den Natur- und Artenschutz sind. Foto: NABU Leipzig

Auch an den Gärnitzer Lachen versucht der NABU, neue Gewässer anzulegen, bestehende Gewässer zu vertiefen und zu verbreitern. Darüber hinaus wurde bewirkt, dass rund um die südliche der beiden Lachen ein Gewässerrandstreifen eingerichtet wurde. Dieser ist sogar gesetzlich vorgeschrieben und schützt ein Gewässer vor Dünger- und Pestizideinträgen aus der umgebenden Landwirtschaft. Düngereinträge in stehende Gewässer fördern die Verlandung und führen schlussendlich zur Verbuschung und zum Verschwinden des Feuchtgebietes.
Der Erhalt bestehender und die Schaffung neuer Feuchtgebiete nutzt nicht nur dem Kiebitz sondern auch anderen bedrohten Arten, denen sie als Fortpflanzungs- und Ruhestätten dienen. Die Gärnitzer


Lachen sind beliebtes Rastgebiet mehrerer dutzend Zugvogelarten, Brutgebiet für gefährdete Vogelarten und Laichplatz für Amphibien wie die nach EU-Recht geschützten Arten Rotbauchunke, Kammmolch, Wechselkröte und Knoblauchkröte. Trocknen die Gärnitzer Lachen im Frühjahr zu zeitig aus, stirbt hier die Rotbauchunke aus. (Weitere Informationen folgen in Kürze.)

 

Permanent drohende Gefahren

Bei einer Vogelart, die am Rand des Aussterbens steht, wirken manche Faktoren oder auch Extremereignisse (wie lange Trockenzeiten) oft so stark, dass eine kleine Population schnell aussterben kann. Ein ernsthaft bedrohlicher Gefährdungsfaktor für den Populationserhalt ist die Prädation: Säugetiere wie der Rotfuchs, aber auch Waschbären und Hauskatzen plündern die Gelege. Rabenkrähen und Greifvögel folgen ebenso ihrem naturgegebenen Programm und verhindern manchenorts den Bruterfolg, indem sie die gut sichtbaren Nester ausrauben. 

 

Die letzten Gelege des Kiebitzes sind durch natürliche Fressfeinde gefährdet. Dieses Ei wurde 2020 an der Gärnitzer Lache von Krähen oder Möwen erbeutet. Foto: NABU Leipzig

 

Damit die Gelege nicht von Fressfeinden erbeutet werden, hat die Wildvogelhilfe des NABU Leipzig mit Spendengeldern mehrere Schutzkörbe erworben. Ein Mitarbeiter bringt den Korb zum Nest an der Gärnitzer Lache. Foto: NABU Leipzig

 


Nestschutzkörbe über Gelege

Um der Prädation entgegenzuwirken, hat der NABU  Leipzig sich vorgenommen, gut sichtbare und erreichbare Nester mit einem Nestschutzkorb abzudecken: Somit kommen Fuchs & Co. nicht mehr an das Gelege heran. In anderen Bundesländern wurde diese Variante des Nestschutzes über Jahre hinweg erfolgreich erprobt. Der NABU Leipzig hat 2022 erstmalig einen Schutzkorb an den Gärnitzer Lachen ausgebracht: Das Gelege wurde erfolgreich ausgebrütet und mehrere Jungtiere erblickten das Licht der Welt. Das Gelege eines zweiten Brutpaares in dem Gebiet, welches keinen Schutzkorb hatte, wurde von Graugänsen zertrampelt oder von Fuchs, Rabenkrähe oder einer Greifvogelart ausgeraubt.

 

Durch den im Boden verankerten Schutzkorb haben Füchse & Co. keine Chance, an die Gelege heranzukommen. Foto: NABU Leipzig

 

Gründe für den Rückgang

Doch wie kam es eigentlich dazu, dass eine ehemals weit verbreitete Vogelart an den Rand des Aussterbens gebracht wurde? Schließlich gab es im Zeitraum 1978 – 1982 in Sachsen noch 1.800 bis 4.000 Brutpaare. Innerhalb von 25 Jahren sank der Bestand exorbitant auf 400 bis 800 Brutpaare. Im Jahr 2019 wurde die sächsische Population schlussendlich auf lediglich 100 Paare geschätzt. Dies ist ein gewaltiger Bestandseinbruch von etwa 95 Prozent seit 1980!

 

Der Flussregenpfeifer teilt sich den Lebensraum mit dem Kiebitz. Im Bild zu sehen ist eine Kopulation an der Gärnitzer Lache aus dem Jahr 2019. Foto: T. Ranis
Der Flussregenpfeifer teilt sich den Lebensraum mit dem Kiebitz. Im Bild zu sehen ist eine Kopulation an der Gärnitzer Lache aus dem Jahr 2019. Foto: T. Ranis

Sein Schicksal teilt der Kiebitz mit einer Reihe anderer Vogelarten, Insektenarten und Pflanzenarten in der Agrarlandschaft. Zunächst gingen die Bestände durch die Zerstörung der Moore, Feuchtgebiete und Auenlandschaften zurück, in denen die Limikolenart über Jahrhunderte lebte. Die verbliebenen Feuchtwiesen wurden durch Melioration nach und nach weiter entwässert oder in Acker umgewandelt. Übrig geblieben sind intensiv bewirtschaftete Wiesen ohne die für den Kiebitz obligatorischen Nassstellen. Folglich ist der Kiebitz irgendwann zum Brüten auf Felder ausgewichen. Doch hier gibt es durch die bereits Bewirtschaftung Gefahren für die Gelege. Schlimmer noch als das Überfahren der Nester wirkt allerdings die immer weitere Intensivierung der Landwirtschaft: Als ob der immer stärkere Pestizideinsatz mit der Vernichtung lebensnotwendiger Insektennahrung und anderer Bodenfauna nicht schlimm genug war, ging man in der Landwirtschaft dazu über, Winterkulturen anzubauen – anstatt wie bis dato die Kulturen im Frühjahr einzusäen, erfolgte die Einsaat im Herbst. Als Folge sind Getreide und andere Kulturen im April bereits so hoch, dass Kiebitze und Feldlerchen hier kein Auskommen mehr finden. Zusätzlich führen Düngergaben zu immer schnellerem Wachstum. Auch der Saatabstand zwischen den Pflanzen ist immer enger geworden, sodass sich selbst einst häufige Vogelarten wie die Feldlerche hier nicht mehr hindurchzwängen können und die Brutplätze aufgeben.

 

 

Mitmachen beim Kiebitzschutz!

Die Förderpolitik der EU für die Schaffung von Brachflächen oder andere extensive Bewirtschaftungsformen ist oft sehr bürokratisch und komplex. Manche Landwirte trauen es sich nicht zu, eine Förderung zu beantragen und einen Teil ihrer Flächen umzustellen. Für den Kiebitz beispielsweise genügt oft lediglich eine 0,5 bis 2 Hektar große Fläche in der Nähe einer Lache. Diese sogenannte Kiebitzinsel wird während der Brutzeit nicht bewirtschaftet. Die Ertragseinbußen werden durch die Förderung vergütet. Der NABU Leipzig berät gerne Landwirte, die sich vorstellen können, etwas für den Kiebitz zu tun. Überdies sucht die Arbeitsgruppe Kiebitzschutz

Solche Bilder wie dieses aus dem Jahr 2019 sind selten geworden: Nach dem Schlupf der Jungen laufen die Eltern mit ihrem Nachwuchs an die Gärnitzer Lache, wo sie ausreichend Nahrung vorfinden. Foto: T. Ranis
Solche Bilder wie dieses aus dem Jahr 2019 sind selten geworden: Nach dem Schlupf der Jungen laufen die Eltern mit ihrem Nachwuchs an die Gärnitzer Lache, wo sie ausreichend Nahrung vorfinden. Foto: T. Ranis

weitere Mitstreiter, um die bestehenden Brutplätze zu überwachen. Interessenten können sich gerne melden per E-Mail

 

WEITERE INFORMATIONEN


Foto: Beatrice Jeschke
Foto: Beatrice Jeschke

Hilfe für die letzten Kiebitze der Region

 

Der Kiebitz war einst weit verbreitet, doch er hat seinen Lebensraum mehr und mehr verloren durch Entwässerung, Aufforstung, Trockenlegung von Mooren, intensive Grünlandnutzung, industrielle Landwirtschaft, Insektensterben und Klimawandel, aber auch durch intensive Freizeitnutzung von einstigen Brutgebieten. Der NABU Leipzig setzt sich für den Schutz der letzten Nistplätze in der Region ein und arbeitet für die Schaffung neuer Brutmöglichkeiten. mehr