Schulbau offenbart große Bildungslücken

Was lernt man an einem Ort der Naturzerstörung?

Klimaschutz, Naturschutz, Umweltschutz, Nachhaltigkeit – alles Dinge, die man in einer Schule lernen kann, was für die Verantwortlichen in der Leipziger Stadtverwaltung aber offenbar keine Rolle spielt.

 

Offener Brief     Pressemitteilung 

 

Hier steht kein Baum und Strauch mehr. Fotos: NABU Leipzig
Hier steht kein Baum und Strauch mehr. Fotos: NABU Leipzig

 

Das Lichtenberg-Gymnasium wird saniert, um als Schulstandort wieder eröffnet zu werden. Auch der NABU Leipzig begrüßt das. Dass man für solche Bauarbeiten Platz rund um das Gebäude benötigt, ist nachvollziehbar, aber dabei sollte man schonend vorgehen und so viel von der vorhandenen Natur erhalten wie möglich. Bäume, Sträucher, singende Vögel, summende Insekten – das wäre doch ein wunderbares Lernumfeld und auch ein möglicher Ort der Umweltbildung und des Naturerlebens an der Schule. Stattdessen wurde alles Grün radikal beseitigt. Auf einer Breite von 10 Metern vor dem Gebäude und 20 Metern hinter dem Gebäude wurden alle Grünflächen zerstört. Das ist durch nichts zu erklären! Auf einer Länge von 150 Metern vor und hinter dem Schulgebäude wurden augenscheinlich gesunde, teilweise 40 Jahre alte Bäume sowie viele Sträucher gerodet. Das entspricht einem Kahlschlag auf einer Fläche von etwa 2.000 Quadratmetern. 

 

Natur und saubere Luft sind im Stadtplan für Schülerinnen und Schüler offenbar nicht vorgesehen. Was lernen junge Menschen an einem solchen Ort – ohne Baum und Strauch und ohne Sinn und Verstand?

 

Gehölze verbessern das Klima und spenden Schatten in heißen Sommern. Die Kinder bekommen notfalls Hitzefrei, doch Vögel, die vor dem Schulfenster von Ast zu Ast hüpfen und ihr Frühlingslied singen, erleben die Schüler künftig nicht mehr.

 

Kahlschlag auf 2.000 Quadratmetern.

 

Natur gehört auf den Schulhof und ins Wohnumfeld, ist Voraussetzung für Biodiversität in der Stadt. Das Grün ist Lebensstätte gesetzlich geschützter Tierarten und darf deshalb nicht zerstört werden. Diese Vorschrift wird in Leipzig tagtäglich ignoriert! Haussperlinge, Amseln, Rotkehlchen und weitere Vogelarten verlieren ihre Heimat. Sie benötigen die Sträucher als Nistplatz oder Ruhestätte, sie benötigen Flächen für die Nahrungssuche.

 

 

 

Im alten Schulgebäude haben Haussperlinge ihre Nistplätze. Nach der Sanierung kann man ihnen Nisthilfen als Ersatz anbieten, doch ihre Ruheplätze in den Sträuchern haben sie verloren, und Insekten für die Jungenaufzucht zu finden, wird ihnen schwerfallen.

 

Gerade Bauprojekte der öffentlichen Hand müssten besonders vorbildlich geplant und ausgeführt werden, die Vorschriften für den Natur- und Artenschutz müssten beachtet werden, und darüber hinaus müsste beispielgebend ein Beitrag zum Erhalt von Biodiversität und zur Verbesserung des Stadtklimas geleistet werden. Das gilt noch mehr beim Bau von Bildungsstätten. Aber leider ist bei vielen Bauprojekten der Stadt Leipzig davon nichts feststellbar.  

 

Auch Anwohner sind empört und klagen über das verwüstete Wohnumfeld. Mehrere Anrufer haben sich beim NABU Leipzig gemeldet. Der NABU fordert die Stadtverwaltung auf, für Bauprojekte nicht die Natur zu opfern!

  

Leider kein Einzelfall

Für den Sachkundeunterricht in der Hermann-Liebmann-Schule: Was versteht man in Leipzig unter Baumpflege? Antwort: Die Fällung sämtlicher Bäume.

 

Rund um das Lichtenberg-Gymnasium sind die Gehölze vollständig und ohne erkennbaren Sinn entfernt worden, auch fehlt offenbar der Ausgleich für den Verlust dieser Lebensstätten, der vom Bundesnaturschutzgesetz gefordert wird.

 

Nur wenig anders ist es an der Hermann-Liebmann-Schule in Volkmarsdorf. Auch hier gibt es eine großflächige Beseitigung von Gehölzen. Das ist in diesem Fall nachvollziehbar, weil es wohl An- und Neubauten geben wird. Der Platz dafür ist also nötig, dennoch muss man auch hier fragen: Wo ist der gesetzlich erforderliche Ausgleich für die verlorenen Lebensstätten? Zudem hätte man bei einer rücksichtsvolleren Bauplanung zumindest einige der ökologisch wertvollen Gehölze erhalten können. Um den Verlust zu ersetzen, ist es notwendig, größere Strauchgruppen neu zu pflanzen. Zudem müssen neugepflanzte Bäume so gepflegt werden, dass sie groß und alt werden, kleine neugepflanzte Bäumchen wären kein Ersatz für den massiven Lebensraumverlust.

 

Bis dahin haben hier Vögel für viele Jahre ihren Lebensraum verloren. Ein Ausgleich hätte deshalb bereits im Vorfeld der geplanten Bauarbeiten stattfinden müssen und in möglichst enger Nachbarschaft. Da dies kurzfristig möglicherweise nicht zu realisieren war, zeigt es nur umso mehr, dass alle vorhandenen Grünflächen in Leipzig so naturnah wie möglich zu pflegen sind. Nur so können sie als Ersatz für Lebensraumverluste dienen. Eine naturverträgliche Stadtplanung, würde die Folgen einzelner Baumaßnahmen verringern. Stattdessen aber wird zu wenig getan, um die Biodiversität auf Grünflächen zu fördern. Vielmehr sind auch viele andere Flächen, die als Ersatzlebensraum in Frage kämen, ebenfalls bebaut worden oder naturfern gestaltet. Leipzig schrumpft!

 

Kahlschlag an der Hermann-Liebmann-Schule. Ortsnahe Ersatzpflanzungen sind notwendig, um den massiven Lebensraumverlust auszugleichen.

 

Der Leerplan für Leipzigs Schullandschaft

Auch rund um die 20. Schule in Leipzig Schönefeld sind Bäume und Sträucher gerodet worden. Vorbeigehende Spaziergänger schütteln nur mit dem Kopf. Wird für das Umfeld der Leipziger Schulen ein "Leerplan" umgesetzt?