Fragen und Antworten

Journalisten haben sich mit Nachfragen zum Unterschutzstellungsantrag an den NABU Leipzig gewandt. Daraus entstandene Fragen und Antworten werden hier dokumentiert:

 

Warum wollen Naturschützer Photovoltaik-Anlagen verhindern?

 

Das ist so nicht richtig. Es geht um den speziellen Standort, keineswegs um eine Ablehnung sämtlicher Photovoltaik-Anlagen. Man macht es sich zu leicht, wenn für die Energiewende bevorzugt Naturflächen in Anspruch genommen werden, weil sich die tierischen/pflanzlichen Bewohner vermeintlich nicht wehren können, wohingegen ökologisch weniger kritische Flächen, wie Dächer und versiegelte Flächen, nicht verwendet werden. Zudem ignoriert man damit, dass Klima- und Biodiversitätskrise Hand in Hand gehen und man nicht die Biodiversität der Energiewende opfern darf. Orte der Biologischen Vielfalt sind insbesondere in einer Großstadt wertvoll für Klima und Gesundheit, dies gilt noch mehr in der Region Seehausen, die außer dem ehemaligen Deponieberg kaum grüne Flecken zu bieten hat. Es handelt sich daher um einen essenziellen Bestandteil für Biotopverbünde und gesunde Umwelt. Aus diesem Grund ist es mehr gerechtfertigt, hier ein Naturschutzgebiet auszuweisen, als eine PV-Anlage zu errichten.


Woher weiß man, dass auf der Deponie so viele seltene Tierarten leben? Stammen die Bestandserhebungen vom NABU?

 

Die Informationen über die Arten stammen im Wesentlichen aus dem Artenschutzfachbeitrag, der vom Vorhabenträger für das Genehmigungsverfahren erstellt wurde. Der NABU hat zudem eigene Beobachtungen, allerdings nicht umfassend, das Gelände ist nicht öffentlich zugänglich. Einige Informationen wurden dem NABU anonym zugeleitet, inzwischen aber vom Gutachten bestätigt. Dazu zählt beispielsweise der Orchideenfund.


Generell ist der erste Eindruck bei einer stillgelegten Deponie, dass es sich um belastetes Gebiet mit wenig ökologischem Nutzen handelt. Wie kann es sein, dass die Deponie Seehausen ein so schützenswertes Habitat ist?

 

Hier konnte sich seit der Stilllegung der Deponie vor ca. 20 Jahren die Natur aufgrund von Betretungsverboten weitgehend ungestört entwickeln. Gerade Hanglagen und arme Böden sind seltene Biotope in der Region, die Übergänge zum lichten Wald sowie vegetationsfreie Stellen bieten ebenfalls wertvolle Lebensräume, die anderswo teils fehlen und die hier auch besonders kleinräumig zusammentreffen, was die hier vorhandene besondere Artenvielfalt begründet.
 
Es handelt sich eben nicht einfach um eine stillgelegte Deponie, sondern um einen Ort, der jahrzehntelang der Entwicklung der Natur überlassen war. Zudem erfolgten die Stilllegung und die damaligen Sicherungsarbeiten mit dem erklärten Ziel, den Ort zu renaturieren und den Anwohnern perspektivisch als Ort der Naherholung zu dienen. Entsprechend hat sich die Natur hier entwickelt, und auch die Anwohner haben sich darauf verlassen.
 
Wird hingegen eine Deponie aktuell stillgelegt, ist es durchaus sinnvoll, die Fläche für Photovoltaik vorzusehen. Der NABU befürwortet sogar solche Standorte für Flächen-PV als Alternative zu Anlagenstandorten in der freien Landschaft. Gemeint sind dann aber ökologisch weniger wertvolle Deponiestandorte in Stilllegung, nicht Orte der Biodiversität nach Jahren einer natürlichen Entwicklung.
 
Verschlimmert wird die Idee der Nutzung der Deponie Seehausen durch die Tatsache, dass bereits versiegelte Siedlungs- und Verkehrsflächen für PV nicht ausreichend genutzt werden, stattdessen aber die Natur weichen soll. In Abwägungsprozessen werden ökologische Belange verglichen mit anderen - oft kommerziellen - Interessen meist nicht ausreichend berücksichtigt. Das Ergebnis ist dann stets ein weiterer Beitrag zum weltweiten Artensterben.

Die Initiative Stadtnatur bezieht sich auf die Fraunhofer ISE Berechnung, dass es ausreichen könnte, nur auf Dach-PV zu setzen. Heißt das im Umkehrschluss, dass NABU und die Initiative Stadtnatur gänzlich gegen Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen sind?

 

Nein, eine solche pauschale Ablehnung von Flächen-PV gibt es nicht.
 
Solche Zahlen gibt es für alle möglichen Bereiche, es genügt auch Agri-PV auf wenigen Prozent der Landwirtschaftsfläche Deutschlands, Windenergie auf wenigen Prozent der Meeresfläche, was aber nicht bedeutet, dass eine Energiewende ausschließlich auf diesem Wege zu propagieren wäre. Es geht definitiv um Diversifizierung der Energiequellen (und sicherlich auch ums Energiesparen).
 
Solche Beispiel-Zahlen sollen aber verdeutlichen, dass es nicht gerechtfertigt ist, ökologisch wertvolle Flächen in Anspruch zu nehmen, weil es angeblich die Energiewende erfordert, oder noch falscher: Weil es der Klimaschutz erfordert. Dem kann man durchaus entgegnen, nein: bevor man die Biodiversitätskrise weiter verschärft, würde es schon reichen die Dachflächen oder Landwirtschaftsflächen etc. zu nutzen. Dass es ökologisch sinnvoll ist, zunächst bereits versiegelte Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen zu nutzen, sollte offensichtlich sein. Eingriffe in die Natur sollten hingegen tabu sein oder absolute Ausnahmen.


Ein Berg für die Natur

NABU Leipzig unterstützt Antrag auf einstweilige Sicherstellung der ehemaligen Deponie Seehausen als Naturschutzgebiet

Lebensräume teilweise geschützter und bedrohter Arten, darunter Orchideen, Vögel und Insekten, sind durch die geplante Photovoltaikanlage bedroht.

 

Die „Initiative Stadtnatur“ hat bei der Stadt Leipzig eine einstweilige Sicherstellung des auf der Deponie Seehausen entstandenen Biotopmosaiks als Naturschutzgebiet beantragt. Der Antrag wird unterstützt vom NABU Leipzig und dem Landesverein Sächsischer Heimatschutz. Die einstweilige Sicherstellung als Naturschutzgebiet soll ökologisch wertvolle Flächen sichern und den Ämtern Zeit geben, zu prüfen, ob das auf der Deponie entstandene Mosaik an verschiedenen Lebensräumen und den darin lebenden teilweise bereits sehr bedrohten Tier- und Pflanzenarten einer Ausweisung als Schutzgebiet würdig ist. Das ökologisch wertvolle Gebiet ist bedroht, weil geplant ist, hier eine Photovoltaikanlage zu errichten. Solche Anlagen sind grundsätzlich zu begrüßen, jedoch sollten für ihre Errichtung vorzugsweise bereits versiegelte Flächen und Dächer genutzt werden. Demgegenüber sollen hier jedoch Wald gerodet und Offenlandflächen überbaut werden, die sich zu Lebensräumen bedrohter Tier- und Pflanzenarten entwickelt haben. Weiterlesen