Der Moschusbock (Aromia moschata)

Leipziger Auwaldtier des Jahres 1997

Mit dem Moschusbock wurde erstmals ein Vertreter der Insekten, der artenreichsten Tiergruppe, zum Auwaldtier des Jahres gewählt. Er symbolisiert einerseits die Organismengruppen, deren Arten- und Individuenreichtum eng an die Existenz geeigneter Lebensräume gebunden ist, andererseits auch besonders gefährdete Lebensräume (Weichholzauen) und historische Nutzungsformen (Kopfweiden).
Als typischer Vertreter der Bockkäfer ist der Moschusbock an der gestreckten Körperform (Länge 20-35 Millimeter) und den langen Fühlern gut zu erkennen. Die Körperfarbe variiert von hellgrün bis nahezu schwarz und weist einen typischen metallischen Glanz auf. Charakteristisch ist der Moschusgeruch, den die Tiere abgeben. Er wird von Duftdrüsen erzeugt.

Während einer mehrjährigen Entwicklung besiedeln die Larven vorwiegend Weiden (Salix). Sie entwickeln sich im morschen, aber noch lebenden Holz. Vorrangig werden Äste und Stämme besiedelt. Die Verpuppung erfolgt im Frühjahr. Die Käfer besuchen Blüten, ernähren sich aber auch von Baumsäften. Sie fliegen von Juni bis Ende August oder Anfang September. (KLAUSNITZER, SANDER 1981, BENSE 1995)
Charakteristisch ist der Moschusbock für Weidengebüsche entlang der Flüsse (Weiden- aue). Allerdings besiedelt er auch entsprechende Gebüsche an stehenden Gewässern und vor allem Kopfweiden. Selbst in bebauten Gebieten, Parkanlegen und Gärten können Weiden und Weidengebüsche als Lebensraum dienen. Außerdem wurden Larven vereinzelt auch in Pappeln (Populus), Erlen (Alnus) und Ahorn (Acer), in diesem Fall allerdings sehr selten, gefunden (BENSE 1995). Aromia moschata ist in weiten Teilen Europas verbreitet und besiedelt auch Sachsen, kommt aber nur zerstreut vor (KLAUSNITZER 1994, BENSE 1995). In geeigneten Lebensräumen könne Moschusböcke zwar regelmäßig, jedoch meist nicht häufig beobachtet werden. Dazu gehören in und um Leipzig beispielsweise der Auwald, die Partheaue und angrenzende Wohngebiete oder das Flächennaturdenkmal „Stauteich Lößnig/Dölitz“. Aufmerksame Beobachter werden sicherlich weitere Vorkommen kennen. Allerdings ist die Bestandsituation in Sachsen rückläufig, so dass Aromia moschata in der Roten Liste Sachsens in der Gefährdungsstufe „R“ (im Rückgang) eingestuft wurde (KLAUSNITZER 1994).


Foto: NABU/Ingo Ludwichowski
Foto: NABU/Ingo Ludwichowski

Der Moschusbock gehört zu den besonders geschützten Arten; Weichholzauen sind gefährdete und besonders geschützte Biotope in Sachsen (BArtSchV, SächsNatSchG).
Gezielte Maßnahmen zum Erhalt oder gar zur Förderung der Weidengebüsche und Kopfweiden als wertvolle Lebensräume verschiedenster Tier- und Pflanzenarten erscheinen deshalb besonders wichtig (TEUBERT 1997). Weidenkätzchen sind im Frühjahr für alle blütenbesuchenden Insekten die wichtigste Nektarquelle. Nicht umsonst konzentrieren sich Bienen, Hummeln und Tagfalter sowie verschiedene Nachtfalter nach der Überwinterung an blühenden Weiden. Verschiedene phytophage (pflanzenfressende) Insektenarten sind eng an Weiden gebunden. Dazu gehören weitere Käfer, Blattwespen und verschiedene Schmetterlinge, darunter der in Sachsen sehr seltene Pappelkarmin (Catocala elocata) und das Abendpfauenauge (Smerinthus ocellata). Kleinsäuger nutzen Weidengebüsche als Lebensraum. Der Beutelmeise (Remiz pendulinus) bieten sie Brutmöglichkeiten. Kopfweiden bieten verschiedenen höhlenbrütenden Vögeln, aber auch Hornissen, günstige Nistmöglichkeiten. Vor allem in offenen Landschaften sind sie deshalb wichtige Strukturelemente, die zu einer höheren Artenvielfalt beitragen. Neben dem Erhalt der vorhandenen Weidengebüsche und Kopfweiden, der Nutzung des natürlichen Jungwuchses können Weiden relativ einfach vermehrt und ausgepflanzt werden. Kopfweidenbestände erfordern regelmäßige Kontrolle, Pflege- und Bewirtschaftung.


Literatur
BENSE, U. (1995): Bockkäfer: illustrierter Schlüssel zu den Cerambyciden und Vesperiden Europas. – Weikersheim, 1995, 512 S.
KLAUSNITZER, B. (1994): Kommentiertes Verzeichnis der Bockkäfer (Coleoptera, Cerambycides) des Freistaates Sachsen. – Mitt. Sächsischer Entomologen 27: 2-9
KLAUSNITZER, B. (1994a): Rote Liste Bockkäfer – Ausgabe 1994. – Arbeitsmaterial Naturschutz – Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie [HRSG.], Radebeul, 12 S.
KLAUSNITZER, B. u. SANDER, F. (1981): Die Bockkäfer Mitteleuropas, 2. Aufl. – Neue Brehmbücherei Nr. 499, Wittenberg, 224 S.
TEUBERT, H. (1997): Weichholzauen und Weidengebüsche – Die vergessene Form des Auwaldes. – Rundbrief Kreisverband Leipzig 1997: 4-5


Text: R. Schiller, Naturkundemuseum Leipzig
Stadt Leipzig, Amt für Umweltschutz