Drama hinter Bauschaum

Bei Gebäudesanierungen werden täglich Vogelnester zerstört

NABU beklagt grobe Missachtung von Tier- und Artenschutzrecht

Leipzig boomt, Leipzig wächst, und für die Tierwelt spielt sich ein Drama ab: Durch die Bauarbeiten wird täglich Lebensraum für die städtische Tierwelt vernichtet. Das macht sich mehr und mehr bemerkbar, immer mehr Bürger vermissen das Stadtgrün, summende Insekten und singende Vögel – sie sind einfach nicht mehr da. Darauf hat der NABU Leipzig bereits mehrfach hingewiesen. Allein 2016 sind nach NABU-Beobachtungen 60 Hektar Lebensraum verloren gegangen – Wiesen, Büsche, Bäume.

 

Mauerseglernest mit Bauschaum versiegelt.
Mauerseglernest mit Bauschaum versiegelt.
Haussperlingsnest mit Bauschaum versiegelt. Fotos: NABU Leipzig
Haussperlingsnest mit Bauschaum versiegelt. Fotos: NABU Leipzig

Noch dramatischer ist die Situation für gebäudebewohnende Arten wie Haussperling, Mauersegler oder Fledermäuse. Wenn die Fassade saniert und gedämmt wird, werden Einschlupfmöglichkeiten für die Tiere beseitigt – der Bauboom führt zur Wohnungsnot bei den tierischen Nachbarn. Eigentlich ist ein Ausgleich für den Verlust von Mauernischen, Ritzen und Höhlen leicht: In die Fassade können künstliche Nisthilfen problemlos integriert werden. Beim Vorhandensein geschützter Tierarten sind die Bauleute dazu sogar gesetzlich verpflichtet. Doch das wird vielfach ignoriert – oft sicherlich in Unkenntnis der Rechtslage, oft aber wohl auch mit Vorsatz und vor allem: Es wird viel zu wenig von der Naturschutzbehörde kontrolliert! Der NABU bemüht sich mit Unterstützung engagierter Bürger und Anwohner, Informationen über Nistplätze zu sammeln und der Behörde zu melden. Dann können Nistplätze gerettet werden. Aber angesichts des Baubooms geht der weit größere Teil leider verloren – Leipzig schrumpft weiter.

 

Melden Sie Nistplätze von Mauerseglern, Haussperlingen, Schwalben und Fledermäusen!

 

Mord an Vogelbabys

Bei den Dramen, die sich bei den Bauarbeiten abspielen, sind manche besonders grausam: Die Wildvogelhilfe des NABU Leipzig hat schon Vogelnester mit Jungvögeln aus Bauschuttcontainern gerettet. Oft werden Fugen verschlossen, obwohl die Nester mit den Jungvögeln sich noch dahinter befinden, so dass die Jungtiere qualvoll verhungern. Auch schlafende Fledermäuse werden oft bei lebendigem Leibe eingemauert. Das ist nicht nur unmenschlich, sondern ein klarer Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, gegen das Bundesnaturschutzgesetz und gegen Artenschutzvorschriften der Europäischen Union. Ritzen und Fugen müssen auf das Vorhandensein von Tieren insbesondere auf Niststätten geschützter Arten kontrolliert werden!

 

Drei Mauerseglerküken wurden unterkühlt geborgen, ein Tier ist kurz danach gestorben.
Drei Mauerseglerküken wurden unterkühlt geborgen, ein Tier ist kurz danach gestorben.
Ein Haussperling konnte nur noch tot geborgen werden.
Ein Haussperling konnte nur noch tot geborgen werden.

Rettung in letzter Minute

In vielen Fällen spielen sich diese grausamen Szenen vollkommen unbemerkt ab. Manchmal aber beobachten Anwohner die verzweifelten Vogeleltern, die versuchen, ihre eingeschlossenen Jungen zu erreichen. So konnten in der Angerstraße, Jungtiere in letzter Minute gerettet werden.

In der Dachgeschosswohnung bekamen die Vogelretter des NABU Zugang für die Endoskopkamera. Drei Mauerseglerküken waren auf dem Monitor zu erkennen. Mit Hilfe der Feuerwehr konnten die Tiere aus der tödlichen Falle befreit werden.

 

In dem mit Bauschaum verklebten Nest, ist ein Sperling gestorben.
In dem mit Bauschaum verklebten Nest, ist ein Sperling gestorben.

Mieter hatten festgestellt, dass Mauersegler und Haussperlinge aufgeregt herumflogen und nicht mehr zu ihren Nestern konnten. Irgendwann hatten die Altvögel ihre Versuche dann aufgegeben. Die Mieter benachrichtigten die Wildvogelhilfe des NABU Leipzig, die feststellen konnte, dass Fugen mit Bauschaum verklebt wurden, hinter denen sich vermutlich die Vogelnester befanden. Mit Wasserwage und Zollstock wurde die Position der Fuge ermittelt und in die Dachgeschosswohnung übertragen. Von dort wurde durch die Wand ein Loch gebohrt, durch das eine Endoskopkamera geführt wurde, um zu überprüfen, ob sich Jungvögel im Innern der Wand befinden. Nach einiger Suche waren auf dem Bildschirm zappelnde junge Mauersegler zu sehen. Nachdem die Hausverwaltung nicht erreichbar war blieb nur die Möglichkeit, die Polizei und die Feuerwehr zu rufen, um die unterkühlten jungen Mauersegler zu bergen. Sie werden nun in der Wildvogelhilfe Leipzig gepflegt. Ein weiteres Nest wurde entdeckt, in dem ein junger Haussperling bereits verhungert war.

Mit Hilfe der Feuerwehr konnte der Bauschaum entfernt werden. Mauersegler umkreisten die verlorenen Nistplätze.

 

Leider ist das nur ein Beispiel für viele ähnliche Rettungsaktionen, bei denen manchmal die Hilfe auch zu spät kommt. Noch mehr Fälle bleiben gänzlich unbemerkt, so dass man davon ausgehen muss, dass bei Bauarbeiten in Leipzig tagtäglich gesetzlich geschützte Tiere getötet werden und diese Gesetzesverstöße in den meisten Fällen folgenlos bleiben. Stattdessen wird der Bauboom bejubelt.

Es ist durchaus möglich, bei Baumaßnahmen den gesetzlichen Naturschutz zu beachten, ja mehr noch: Arten- und Lebensraumschutz zu verbessern. Leider werden Naturschutz und eine gesunde Umwelt bei der Stadtplanung nicht ausreichend berücksichtigt, und klare Gesetzesverstöße werden toleriert.

Pressemitteilung

Mauersegler aus Baustellen befreien

Die unheimliche Serie von Tiermord durch Gebäudesanierung geht weiter

21. Juli, wieder ist es ein Freitagnachmittag, alle Arbeiter der Gerüstbaufirma sind im Feierabend, schlimmer noch, sie sind auch in nächster Zeit nicht in der Stadt, um das Gerüst zurückzubauen. Es sind meistens Freitage und Wochenenden, wenn Nachbarn aus dem Fenster schauen und bemerken, dass am Haus gegenüber etwas nicht stimmt. Richtig: Dort steht ein Baugerüst und Vögel fliegen aufgeregt gegen das Gebäude. Es ist Brutzeit und die Gebäudeeigentümer und Baufirmen haben mindestens 20 Mauersegler ignoriert, um ein Gerüst so aufzustellen. Die Tiere können nun die Jungen nicht mehr versorgen, ihnen droht Tod durch Unterkühlung und Verhungern.

Das Baugerüst verhindert, dass die Mauersegler zu ihren Nistplätzen fliegen können, die Jungen sind vom Tode bedroht. Fotos: NABU Leipzig
Das Baugerüst verhindert, dass die Mauersegler zu ihren Nistplätzen fliegen können, die Jungen sind vom Tode bedroht. Fotos: NABU Leipzig

Die Tiere die in den Nischen leben, sind, wenn sie nicht von aufmerksamen Vogelfreunden entdeckt werden, zum Sterben verurteilt. Unzählbare Tiere sterben täglich auf eine ähnliche Art in der wachsenden Stadt. Sie bleiben unentdeckt, werden hinter Fugenmörtel und Dämmplatten lebendig eingemauert. „Man hat sie nicht gesehen“ , heißt es hinterher oft, „wir konnten das nicht wissen“. Doch die Wahrheit ist, man hat nicht genug gesucht, obwohl man das eigentlich nach Recht und Gesetz müsste, oder: Man hofft einfach, dass es ohnehin niemand merkt…

Wenn es doch jemand merkt und den NABU benachrichtigt, ziehen ehrenamtliche Helfer lost, um die Tiere wenn möglich zu retten. Mit Werkzeug und Endoskopkamera steigen sie auf das Gerüst, biegen Blechverkleidungen auf, nehmen Dachziegel ab, um an die tagelang unversorgten Mauersegler zu kommen. Altvögel fliegen immer wieder verzweifelt herum, sie wollen zu ihren Kindern, um sie füttern. Zuflug und Abflug vom Nistplatz sind aber durch Gerüstbretter und Netze versperrt.

Vier junge Mauersegler konnten gerettet werden. Sie bleiben in der Wildvogelhilfe des NABU Leipzig, bis sie flügge sind.
Vier junge Mauersegler konnten gerettet werden. Sie bleiben in der Wildvogelhilfe des NABU Leipzig, bis sie flügge sind.

Diesmal konnten vier junge Mauersegler befreit werden. Sie bleiben in der Wildvogelhilfe des NABU Leipzig, bis sie flügge sind.

Um solche Dramen zu vermeiden, sollte jeder Bauherr vor Beginn einer Sanierung eine ökologische Untersuchung am Gebäude durchführen lassen, um festzustellen, welche Tiere dort leben. Die Arbeiten können dann beginnen, wenn die Vögel ihre Brut beendet haben. Wenn die Tierwohnungen genau erfasst sind, können außerdem Ersatznistplätze gleich bei den Sanierungsarbeiten integriert werden. Das erspart auch unnötige Zusatzkosten und kann den dramatischen Wohnraumverlust in unserer Stadt verringern.

Der NABU berät gern, wie der Artenschutz bei Sanierungen berücksichtigt werden kann.

Bergungsarbeiten zur Rettung der jungen Mauersegler. Fotos: NABU Leipzig

Leipzig schrumpft!

 

In der wachsenden Stadt verschwinden die Lebensräume. Der NABU bittet um Rücksicht auf die Stadtnatur. Sie ist nicht nur Teil einer gesunden Umwelt, sondern gehört auch zur Lebensqualität der Menschen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit den Flächen ist nötig.


Wohnungsnot durch Bauboom

 

Bei Gebäudesanierungen werden Nistplätze zerstört

NABU fordert Einhaltung der Artenschutzgesetze

 

 


Tipps zum Artenschutz beim Gebäudeneubau

 

Wie man mit geringem Aufwand Vogelnistplätze und Fledermausquartiere in Gebäudeneubauten integrieren kann, zeigt die kleine Broschüre. Sie basiert auf einer Bachelorarbeit an der HTWK.

 

 


Bild der Woche

von Detlef Nowarre
von Detlef Nowarre

Für Mensch und Natur

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Für Biotop- und Artenschutz

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Lustige Stofftiere, waschbar bis 40°C. Die Einnahmen werden für den Arbeitskreis Vogelschutz verwendet. Jedes Kuscheltier ist ein handgefertigtes Unikat aus Stoffresten und für 3 Euro erhältlich im NABU-Naturschutzbüro.